SZ Edition Krimi Noir – Geschenkschuber mit 8 Romanen

Die SZ Edition „Krimi Noir“ versammelt herausragende Noir-Romane und stellt, neben einigen amerikanischen Klassikern des Genres, auch europäische Autoren vor. Sie spannt einen Bogen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. Die Auswahl wartet mit bekannten Namen auf, im Mittelpunkt stehen aber vor allem Romane, die zu Unrecht im Schatten der Großerfolge stehen und nun wiederentdeckt werden können. Erschienen ist der Geschenkschuber im November 2016 bei Süddeutsche Zeitung Edition zum Preis von 55,50 Euro.

Die Edition im Geschenkschuber enthält acht Romane: Der 20 Jahre nach dem Tod des Autors veröffentlichte Band „Ketzerei in Orange“ des Amerikaners Charles Ray Willeford dreht sich um einen selbstgefälligen Kunstkritiker, dem jedes Mittel recht ist, sich selbst zur Koryphäe emporzuheben. Mit „Puma“ war Ulf Miehe einer der ersten deutschsprachigen Autoren, die den coolen Ton der amerikanischen Hardboiled-Krimis trafen. Massimo Carlottos „Die dunkle Unermesslichkeit des Todes“ ist ein italienisches Rachestück par excellence. 15 Jahre nach der Ermordung seiner Frau und seines Sohnes erhält Silvio Contin die Chance zur Abrechnung. „Galveston“ des gefeierten Drehbuchautors Nic Pizzolatto ist einer der neueren Noir-Romane, die ihren großen Vorbildern in nichts nachstehen. Auch „Abserviert“, ein Roman des Schöpfers des Krimi Noir James M. Cain, darf in dieser erlesenen Auswahl nicht fehlen sowie drei weitere spannende Bände zu Ehren des Genres „Harlem dreht durch“ von Chester Himes, „Dunkler Gefährte“ von Jim Nisbet und „Total Cheops“ von Jean-Claude Izzo.

Im Noir-Krimi geht es nicht nur um Spannung und plotgeladene Unterhaltung, um schwarz und weiß, sondern um die feinen Abstufungen dazwischen: Über Moral und Unmoral, Gut und Böse, Gerechtigkeit und Unrecht, Zynismus und Melancholie, Fressen oder Gefressenwerden.

„Galveston“ von Nic Pizzolatto

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Der in New Orleans und später in der texanischen Hafenstadt Galveston angesiedelte Roman schildert in der Tradition von Jim Thompson und Charles Willeford die Läuterung des Syndikat-Killers Roy Candy. Sein Leben nimmt eine abrupte Wendung, als ihm vormittags Lungenkrebs diagnostiziert wird und sein Boss ihn abends wegen einer Eifersuchtsgeschichte umlegen lassen will. Bei dem Anschlag rettet er nicht nur sich, sondern auch einen Teenager, mit dem er sich fortan auf der Flucht befindet.

Actionreich und gleichzeitig gefühlvoll – ein außergewöhnlicher Roman, der auf zwei Zeitebenen spielt: 1987 wird eine tödliche Krankheit bei Roy Candy diagnostiziert und 20 Jahre später ist er noch am Leben. „Garniert“ wird die düstere Geschichte mit ganz viel Blut und Brutalität. Und immer steht Roy Candy und sein Leben im Mittelpunkt.

Candy entwickelt sich von einem gefühlsarmen Killer zu einer Person, die Verantwortung übernimmt und Mitgefühl zeigt.

„Harlem dreht durch“ von Chester Himes

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Ein Mann ohne Kopf fährt Motorrad, zwei Polizisten begegnen einer fliegenden Untertasse, und ein Toter erwacht wieder zum Leben … Ein bisschen viel auf einmal, sogar für Harlem, das allerhand gewohnt ist. Die beiden schwarzen Detektive, haben alle Hände voll zu tun, um wiederherzustellen, was in Harlem für Ruhe und Ordnung gilt. Harlem dreht durch zählt zur als Harlem Zyklus bekannten erfolgreichen Reihe von Kriminalromanen rund um die Polizisten Grave Digger und Coffin Ed.

Der Roman punktet mit jeder Menge Action, bissigen Kommentaren und schwarzem Humor. Einige Szenarien sind auch sehr skurril. Thematisiert werden Minderheiten, dabei nimmt der Autor wahrlich kein Blatt vor den Mund.

„Puma“ von Ulf Miehe

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Neun Jahre hat Franz Morgenroth, Fremdenlegionär, Berufsverbrecher, auf den Tag der Entlassung gewartet. Endlich ist es für den Puma soweit. Nun will er den bis ins kleinste durchdachten Coup verwirklichen, zusammen mit dem New Yorker Killerprofi Robert Tomcik und dem Londoner Autoknacker John Maugham. Und da ist noch Billie, die attraktive Tochter eines steinreichen deutschen Panzerfabrikanten und Waffenschiebers. Aber gerade durch sie geht seine Rechnung nicht auf.

Ein spannender Krimi über eine Entführung, die anders verläuft als geplant. Glaubwürdig beschriebene Protogonisten und ein reduzierter, knapper Erzählstil zeichnen diesen überzeugenden Krimi aus.

„Abserviert“ von James M.Cain

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Nach einem Autounfall, bei dem ihr Mann ums Leben kommt, sieht sich die schöne Joan gezwungen, ihren Lebensunterhalt als Kellnerin in einer Cocktailbar zu verdienen. In der Bar lernt sie zwei Männer kennen: Einen attraktiven, jungen Herumtreiber und einen wohlhabenden, aber gesundheitlich angeschlagenen älteren Mann, der sie für ihre Aufmerksamkeit mit ungewöhnlichen Angeboten belohnt. Es beginnt eine gefährliche Dreiecksbeziehung.

Erzählt wird der Krimi in der Ich-Form aus Joans Perspektive. Joan ist eine Frau, die ihre körperlichen Reize gezielt für ihre Zwecke einsetzt.

Und je nachdem wie man ihre Sicht der Dinge betrachtet, könnte Joan das naive, unschuldige Weibchen oder eine kaltblütige Mörderin sein. Und genau diese unterschiedliche Interpretationsmöglichkeit macht den Reiz des Romans aus.

„Dunkler Gefährte“ von Jim Nisbet

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Der indisch-stämmige Akademiker Banerjhee Rolf hat es in Kalifornien zu einem schmucken Eigenheim gebracht; in der Biotech-Branche scheinen ihm die Türen offen zu stehen. Doch die Idylle trügt: Eine feindliche Übernahme seiner Firma kostet ihn nicht nur Job und Karriere, auch im privaten Umfeld gehen ihm gesellschaftliche Verfallserscheinungen in Person seines mit Drogen dealenden Nachbarn an die Nieren. Toby Price, ein paranoider Kiffer und Tunichtgut, ist merkwürdig kommunikativ, seit irgendjemand unpatriotische Videopamphlete in seinen Pay-TV-Pornokanal einspeist …

Nach vielen Buchseiten, in denen die Handlung scheinbar ohne große Ereignisse vor sich hinfließt, kommt es plötzlich zu einem actionsreichen Knall. Aber wer zwischen den Zeilen lesen kann, merkt, dass die Protogonisten unweigerlich auf eine Katastrophe hinsteuern.

Neben einer zum Ende hin actionreichen Handlung punktet der Roman auch mit viel Sozialkritik.

„Ketzerei in Orange“ von Charles Ray Willeford

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Einbruch, Diebstahl, Brandstiftung: Dem selbstgefälligen Kunstkritiker James Figueras ist schier jedes Mittel recht, um seinen Namen als Koryphäe des Kunstbetriebes verewigen zu können. Als ihm der amerikanische Kunstsammler Cassidy ein Interview mit dem verschollenen, weltberühmten französischen Künstler Jacques Debierue in Aussicht stellt, der plötzlich im sumpfigen Süden Floridas wieder aufgetaucht sein soll, kann er der Versuchung nicht widerstehen. Als Gegenleistung will Cassidy ein Gemälde von Debierue für seine Sammlung, und James Figueras soll es für ihn stehlen…und wenn er dafür über Leichen gehen muss!

Ein genial konstruierter Krimi, der in der Ich-Form von James Figueras erzählt wird. Der Kunstkritiker entscheidet sich aus purer Existenzangst für das Böse. Eindringlich und spannend erzählt.

„Die dunkle Unermesslichkeit des Todes“ von Massimo Carlotto

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Eine große Geschichte über Rache und Vergebung: Silvio Contin, Weinhändler in einer venezianischen Kleinstadt, führt ein unbeschwertes Leben mit seiner hübschen Frau und einem kleinen Sohn. Doch eines Tages nehmen zwei Männer bei einem Raubüberfall Frau und Sohn als Geiseln und töten sie kaltblütig. Der Verlust lässt Contin tief fallen, bis ihn 15 Jahre nach der Tragödie ein Gnadengesuch des inhaftierten und mittlerweile schwer kranken Mörders, Raffaello Beggiato, erreicht. Langsam begreift Contin, dass dies die Chance seines Lebens ist: Rache.

Der recht kurze Krimi wird wechselseitig aus Silvio Contins und Raffaello Beggiatos Sicht erzählt und ermöglicht dem Leser einen tiefen Einblick in die Seele der beiden Haupt-Protagonisten.

Aus einem Opfer wird ein Täter und die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt immer mehr. Rache und Vergeltung stehen auf einer Seite, während Vergebung dem gegenüber steht.

Ein Krimi, über den ich noch sehr lange nachdenken musste, denn er ist sehr realistisch und schonungslos erzählt.

„Total Cheops“ von Jean-Claude Izzo

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Fabio Montale ist ein kleiner Polizist mit Hang zum guten Essen und einem großen Herz für all die verschiedenen Bewohner der Hafenstadt: für die Italiener, die Spanier, die Algerier und auch die Franzosen. Ob einer Polizist wird oder Gangster, das ist reiner biografischer Zufall. Freund bleibt Freund. Deswegen muss Fabio auch handeln, als zwei seiner Gangster-Freunde ermordet werden. Als die beiden gerächt sind, muss er feststellen, dass das Spiel nach Regeln gespielt wird, die mit Ehre nichts zu tun haben. Von Leuten, denen genauso egal ist, ob einer Polizist ist oder Verbrecher.

Der mitreissende Krimi thematisiert die Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Kriminalität in Marseille. Dabei porträtiert der Autor sehr gekonnt die Einwohner Marseilles, die aus verschiedenen Kulturen stammen und damit Problemen einen guten Nährboden geben.

Ein absolut genialer Krimi über einen Polizisten, der gegen das Böse ankämpft und doch nicht aus seiner Haut kann. Intensiv geschrieben mit ganz viel Lokalkolorit.

Der großartige Geschenkschuber mit 8 spannenden Krimis Noir ist durch seine hochwertige Ausstattung ein schöner Hingucker im Bücherregal. Jeder Band hat einen andersfarbigen Einband, der auf den ersten Blick schlicht anmutet, doch genau deshalb sehr edel wirkt.

Ein tolles Geschenk für jeden Krimi Noir-Liebhaber!

SZ Edition Krimi Noir (8 Bände im Geschenkschuber), erschienen im November 2016 bei Süddeutsche Zeitung Edition,  55,50 Euro, ISBN 978-3-86497-363-5

Herzlichen Dank an die Süddeutsche Zeitung Edition für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

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